„Etwa mit dreizehn Jahren bastelte ich mir aus Schweiß­drähten die ersten Jazzbesen …” *

Der Ulmer Schlagzeuger Hans Peter Gruber begann seine Laufbahn 1960 im Quintett des amerikanischen Pianisten Freddie Hendricks in US-Clubs.
Rundfunk- und Fernsehaufnahmen bei WDR, ZDF und dem TV-Portugal.
1985 erster Auftritt mit Harald Schwer und daraus resultierend die Gründung des „AcousticTrios“. Mit ihm und abwechselnden Gast-Bassisten wie Günter Lenz, Gary Todd, Milan Pilar, Lindy „Lady Bass“ Huppertsberg, Jimmy Woode, Frantisek Uhlir, Branko Peja­kovic, Vinzenz Kummer, Davide Petrocca.
Auftritte u.a. mit den Pianisten Walter Lang, Martin Schrack, Otto Weiss, Thilo Wagner, Emil Viklicky, Tizian Jost, Olaf Polzien, den Saxofonisten Olaf Kübler, Scott Hamilton, Sir Danny Moss, Joe Mikovich, Roman Schwaller, Gustl Mayer, Tony Lakatos, den Posaunisten Joe Gallardo, Alexander Katz, den Trompetern Duke Heitger, Joo Kraus, Dusko Gojkovich, Andy Lawrence, Collin Dawson, dem Vibraphonisten Martin Breinschmid und Max Kienastl (Vibraphon, Violine und Posaune).

Seit 2012 Gypsy-Affair mit den Sintigitarristen Bobby und Lancy Falta zusammen mit Peter Bockius am Bass.
1999 erstmals mit der Band von Alexander Katz in New Orleans. Seit 2001 Ehrenbürger der City of New Orleans.

* Etwa mit dreizehn Jahren bastelte ich mir aus Schweißdrähten die ersten Jazzbesen und übte zuhause auf dem Gitterrost eines elektrischen Beistellofens zur Musik des AFN, dem amerikanischen Sender für die US-Armee. Jahre danach durfte ich in einer Neu-Ulmer Dixielandband, die zwar ein Schlagzeug im Keller des Trompeters hatte, jedoch keinen Drummer, erstmals an einem richtigen Schlagzeug spielen, und das, obwohl ich eigentlich nur mit Besen, so wie es damals im modernen Cool-Jazz üblich war, einigermaßen gut spielen konnte. In meiner jugendlichen Hybris fand ich jede Art von Oldtimemusik unzeitgemäß, nicht ahnend, welche große Rolle New Orleans in meinem Leben noch spielen sollte! Vermutlich gibt es auch nicht allzuviele Schlagzeugautodidakten, die zum Ehrenbürger von New Orleans ernannt wurden.

Ich wuchs in einer Art Wohngemeinschaft unter lauter hochkarätigen Jazzmusikern auf. Sie waren alle damals um die Dreißig, hatten feste Jobs in den fünf Ami-Clubs in Ulm und bekamen regelmäßig Studioaufnahmen beim Bayerischen- und beim Süddeutschen Rundfunk. Diese Musiker hatten mich mit dem Cool-Jazz infiziert. Das Walter-Geiger-Quintett! Sie waren die absoluten Stars zur damaligen Zeit, als Jazz noch Tanzmusik für jedermann war.
Manchmal wurden in unserem Wohnzimmer sogar neue Stücke eingeübt. In unserer Wohnung, in der meine Mutter ein Zimmer an den Bandleader dieser Jazzband vermietet hatte, stand ein luxuriöses Saba-Radio, mit für damalige Verhältnisse sensationellem Raumklang aus acht Lautsprechern. Die nächtelang geführten Diskussionen der Band nach Dienstschluss rund um das Radio sitzend über Musik, über Jazz, durfte ich mit größtem Interesse verfolgen und lernte, indem ich die Reaktionen der anwesenden Musiker beobachtete, genau hinzuhören und die musikalischen Muster, die Syntax und die melodischen und harmonischen Abläufe zu entschlüsseln. Dadurch war ich im Alter von 15 Jahren bereits gerüstet, dem komplizierten Zusammenhang der im Jazz immanenten Improvisation zu folgen. Diese früh erworbene Fähigkeit hilft mir heute beim Schlagzeugspielen enorm.

Manchmal besuchten uns auch amerikanische Gäste, die Musiker waren. Einmal saß ich neben dem Bruder des großen Sonny Rollins auf unserer Wohnzimmercouch. Nur wusste ich damals noch nicht, wer Sonny Rollins war. Und meine Mutter und ich wurden von der Nachbarschaft misstrauisch beäugt: bei Grubers verkehren sogar Neger! Hinsichtlich Jazz war ich also in meiner Jugend fast den gleichen musikalischen Einflüssen ausgesetzt, wie wenn ich in New York oder Boston aufgewachsen wäre. Dass ich Jahre später in einer Dixie-Band Fuß fassen konnte, war vor allem meinem Freund Dima Spika zu verdanken, der schon länger als Klarinettist der Ulmer „Eggbox-Stompers“ erfolgreich war und als Tutor unsere Band ab und zu stilistisch beriet. Unerbittlich verlangte er nämlich von mir, mit Stöcken zu spielen und die Hi-hat, die ich aus Ungeschicklichkeit mit dem rechten Fuß bediente, mit der Fußmaschine der Basstrommel zu tauschen. Kaum dass ich das dann halbwegs drauf hatte, begann ich die Jungs zum Modern Jazz zu bekehren. Beim Kern der Truppe gelang das auch. Der Klarinettist kaufte sich ein Tenorsaxophon und unser Banjospieler tauschte sein Banjo gegen eine elektrische Gitarre. Es kam ein neuer Bassist dazu, der mit sechzehn bereits semiprofessionell in den Clubs spielte. Und schon hatte ich mein Modern-Jazz-Quartett beisammen.

Ein Schulkamerad zapfte (mit sechzehn!) abends Bier an der Bar im Wiley Club. Dieser brachte uns mit dem amerikanischen Pianisten Haywood „Freddie“ Fredericks und einem kalifornischen Trompeter zusammen. Beide waren als Soldaten in den Wiley-Barracks stationiert. So wurde unser Quartett ein Sextett, mit dem wir in den US-Army-Clubs auftraten.
Zu unseren verschiedenen Auftritten fuhren wir mit unseren Instrumenten in einem von einem Freund des Pianisten geliehenen Chevrolet. Das Benzin für unsere Fahrten besorgten wir uns illegal. Einer von uns musste dann mit einem Gummischlauch den Sprit aus einem der abgestellten Panzer ansaugen und in den Chevy füllen. Unser sechzehnjähriger Freund aus der Bar fuhr uns, selbstverständlich ohne Führerschein. Die beste Basis, um später Rechtsanwalt mit Schwerpunkt amerikanisches Recht zu werden.

Wieder Jahre später, nach einer kurzen Periode als Profimusiker in einer Nachtbar (ich war jung und brauchte das Geld), wurde ich von Uli Warlich, dem ehemaligen Bassisten des Walter-Geiger-Quintetts in die Big Band Ulm geholt, die er inzwischen leitete. Zusammen mit dem Leadtrompeter Jurek Kreja aus der Big Band gründete ich dann Soundscape, eine Jazzband, die aus zehn hervorragenden Musikern bestand. Nach einer vernichtenden Kritik eines Kulturredakteurs der Schwäbischen Zeitung löste sich diese Band aber leider bald auf. Dazu muss man erwähnen, dass dieser Redakteur Freejazzanhänger war, aber trotzdem gern Mitglied in unserer Band geworden wäre, als er aber in seiner ersten Probe mit uns die Noten seiner Stimme ansah, packte er ganz schnell sein Horn wieder ein, ohne auch nur einen Ton geblasen zu haben.
Kern seiner Kritik war dann, wir seien eben nur abgefuckte Handwerker, die zwar schwierige Arrangements nachspielen könnten, aber es würde uns an musikalischer Kreativität fehlen. Peng!

Mit der deutsch-portugiesischen Band „Sol Livre“ erreichten wir 1982 eine Festivalteilnahme in Portugal und Rundfunk- und Fernsehaufnahmen bei WDR, ZDF und dem portugiesischen Fernsehen. Und ich lernte in dieser Band meine später als Jazzsängerin erfolgreich gewordene Frau Jutta kennen.
1999 kam ich dann erstmals mit der Band von Alexander Katz nach New Orleans. New Orleans ist die Stadt in den USA, in die ich so oft wie möglich zu reisen versuche, in der ich mir gut vorstellen könnte, zu leben. Drei Jahre nach meinem ersten Auftritt bekam ich die Urkunde zum Ehrenbürger der City of New Orleans. Ausgerechnet ich, der einstige Dixieland-Verächter!